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Startseite Text zur Vernissage von
Dr. phil Werner Stehr
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Fünf Thesen zu den Fotoarbeiten von Rosemarie Berger / Wandel - vor dem dem Umbau des Neuen Schlosses. Vernissage der Ausstellung am 27. Januar 2011 im Rathaus von Baden-Baden

1.
Es gibt eine Kunst der schnellen Antworten, es gibt aber auch eine Kunst der langsamen Antworten. Rosemarie Bergers Fotoarbeiten tendieren aus verschiedenen Gründen zu den letzteren, weil der Betrachter einige Zeit benötigt, um den verschlüsselten Inhalten gerecht zu werden.

2.
Als geradezu tückisches Moment erweist sich das breite Spektrum sehr unterschiedlicher Motive in diesem Zyklus. Es reicht von
scheinbar simplen, auf den ersten Blick abstrakt erscheinenden Stillleben bis hin zu sehr komplexen Aufnahmen, die eine Fülle von Einzelelementen beinhalten. Einige Beispiele können ihre Nähe zum Konstruktivismus nicht leugnen. Manchmal muss man aufgrund
der Verschlüsselungen mehrmals hinschauen, um zu verstehen, um was es sich eigentlich handelt. Was alle Fotoarbeiten hingegen eint, ist die abzulesende homogene Atmosphäre, die sich zum Teil mit den durchgängig ähnlich angewandten Gestaltungsprinzipien erklären lässt: Gedämpftes Licht bei gleichzeitiger Schärfe des Details, eine verminderte Farbigkeit oder modellierende Schatten, die kontrastreich oder sanft nuancierend auf den abgebildeten Dingen oder der Architektur liegen. Sie lösen beim Betrachter bestimmte Assoziationen oder Empfindungen aus. Es handelt sich hierbei um die ästhetische „Handschrift“ der Künstlerin, – begrifflich an jenes Charakteristikum unserer Äußerungen angelehnt, die uns in der schriftlichen Verständigung mit anderen Menschen als unverwechselbare Einzelwesen kennzeichnen. Analog lässt sich dieser Gedanke auf die individuelle Handschrift dieses oder jenes Bildes – nun als nonverbale Äußerung verstanden – übertragen.

3.
Allen hier präsentierten Fotoarbeiten liegt eine zweifellos perfektionierte formale Gestaltung zu Grunde. Wie in der Musik wird auch in der Bildenden Kunst gemeinhin von Komposition gesprochen, wenn es um die dahinter liegenden Prinzipien des „componere“ (lat. = zusammensetzen) geht. Diese werden hier unter Berücksichtigung bestimmter Proportionen, geometrischer Ordnungen, Farbgewichtungen, Schnitte oder Maßverhältnissen als Wissen strenger Grundsätze angewandt, – die Künstlerin geht dabei nach allen Regeln der Kunst vor. Die fototechnischen Verfahren sind selbstschöpferisch (sinngleich zu „kreativ“ verdanke ich diesen Begriff dem Thesaurus von WORD) und das von ihr souverän beherrschte Gestaltungsalphabet ist durch seine konsequente Anwendung im besten Sinne bewährten künstlerischen Traditionen verpflichtet. Wirft man einen Blick auf die Biografie der Künstlerin, die ihr grafisches Handwerk von der Pike auf erlernt hat und viele Jahre im Feld der Werbefotografie in verantwortlichen Positionen arbeitete, dann zeigt sich in ihren Werken die Professionalität zwischen dem „angewandten“ und „freien“ Bereich der Fotografie. Neben einer fast altmodisch anmutenden Aufnahmetechnik, von der sie berichtet, ist neben den darauf folgenden Prozeduren zwischen Auswahl und eigentlicher Bildgestaltung auch das besondere Druckverfahren zu erwähnen, das die hochplastische und farbintensive Wirkung der Fotoarbeiten in dieser Weise erst möglich macht. Insofern ist das Gestaltungsergebnis zwar unvermeidlich konventionell, aber gerade dadurch bleiben die Arbeiten, manchmal an der Grenze zur schon erwähnten Abstraktion, wohltuend lesbar. Sie vermitteln durch ihre ausgeklügelte Hell-Dunkel-Inszenierung in Verbindung mit der verhaltenen Farbigkeit eine verblüffende, freilich auch charakterisierende, Wirkung. Sie bilden Ruheräume für das Auge, die durch ihre fast kontemplativen Eigenschaften aus der Flut heutiger Bildproduktion hervorragen (als Beispiel könnte Nr. 9 – Geländer am oberen Turmaufgang dienen). Und natürlich sollte auch das jeweilige Licht Erwähnung finden, das beim Anschauen unverzichtbar ist. Es beeinflusst durch seine Intensität oder Tönung unsere Wahrnehmung.

4.
Alles zuvor Festgestellte bezieht sich auf die genauere Betrachtung der Fotoarbeiten, auf die Bildfakten. Zwei Interpretationsangebote sollen zur ikonografischen Deutung beitragen:
Fragen wir zuerst die Künstlerin, die dazu bemerkt: „Vergehen und Vergangenheit ist ein Thema, das mich seit Jahren beschäftigt. Alte Dinge oder Orte mit ihren “eigenen Geschichten”, oftmals kurz vor Veränderungen, dem Abriss oder mit besonderer historischer Prägung und Bedeutung, üben auf mich einen besonderen Reiz aus. Im Alten und Vergehenden erkenne ich nicht nur den momentanen Gegenstand in seinem Umfeld, sondern erspüre zugleich das Leben, seine Entwicklung.“Katja Fischer ergänzte dies kürzlich im Feuilleton der Regionalpresse:„ Als Motive für ihre Werke wählt Rosemarie Berger am liebsten Fabrikgebäude, alte Schlösser, zerfallene Gemäuer oder interessante Strukturoberflächen. Dabei fasziniert sie vor allem das Alte und Kaputte, ja zum Teil auch Morbide.“ Dann fügte die Autorin beiläufig an, dass die Fotografin solche verlassenen Orte suche, weil sie eine besondere Ausstrahlung für sie haben.
Mit dem kalten Herzen des fragenden Kunstvermittlers würde ich – zunächst – daraus schließen: Spricht hier etwa eine Romantikerin des 19. Jahrhunderts? Denn hat sich nicht besonders die Romantik in der bildender Kunst nicht schon seit den 18. Jahrhundert (siehe z.B. Bernardo Bellotto (1722- 1780) mit seiner „Landschaft mit Ruinen“) ebenfalls mit Ruinen, Toteninseln, dem Verfall, den ästhetischen Reizen des Pittoresken, mit der mythenreichen, vergangenen Geschichte (siehe Moritz von Schwindt, Philipp Otto Runge, Hans Thoma u.a.) beschäftigt? Doch auch die Fotografie stand den romantischen Inspirationen nicht nach, denn auch sie hat sich seit ihrem Entstehen im 19. Jahrhundert „mit Eifer und Sendungsbewusstsein“, wie der Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Kemp notiert, immer wieder erneut an diesen Themen abgearbeitet. Einer ihrer berühmten Vertreter, William Henry Fox Talbot, stellt zwischen 1844 und 1846 sein Fotobuch „The Pencil of Nature“ vor und vergleicht sich darin selbstbewusst mit den Malern. In seinen Kommentaren schreibt er über seine eigenen – nun von ihm selbst als bildwürdig geadelten – Alltagsaufnahmen: „Das Auge des Malers wird oft auf Dingen verweilen, an denen der Durchschnittsmensch nichts Bemerkenswertes findet. Ein zufälliges Glänzen des Sonnenlichts, ein Schatten auf dem Wege, eine verwitterte alte Eiche oder ein mit Moos bedeckter Stein genügen, um Gedankenfolgen, Empfindungen und bildliche Vorstellungen wachzurufen.“

Die motivische Bindung an die verwitterte Eiche, wie sie nicht nur Caspar David Friedrich (1774-1840) als Maler verewigte, also in Ehren. Das große Missverständnis bezüglich des Wesens der Romantik, das bleibt meist unbeachtet, liegt allerdings zugleich im verborgenen strengen Kalkül, das viele Künstler beim Anfertigen ihre Bildwerke verfolgten! Friedrichs Zeitgenosse, der Maler Philipp Otto Runge, mahnte an, dass „strenge Regularität gerade bei den Kunstwerken, die recht aus der Imagination und der Mystik unserer Seele entspringen, am allernotwendigsten sei.“ Insofern sind – korrespondierend zu den hier ausgestellten Photoarbeiten – die von uns in Betracht gezogenen romantischen Vorbilder mit ihrem ideellen Hintergrund und ihren ästhetischen Feinheiten – trotz Weltflucht, Ruinen, Vermoosung und Melancholie – zumindest ebenso als disziplinierte, strenge geistige Leistung zu würdigen, die kraft ihrer Rationalität beim Betrachter etwas Bestimmtes auslösen möchte. Fazit: Rosemarie Bergers Bilder eignen sich sowohl zur zweckfreien Betrachtung kompositorischer Glanzleistung als auch zur Meditation über das festgehaltene Sujet. Dem Betrachter wird in keiner Weise vorgeschrieben, welchen Zugang er zu wählen geneigt ist. Mehrere Wege sind offen, die Spuren führen in verschiedene Richtungen.

5.
Zur inhaltlichen Deutung ein zweites Angebot. Stichwort: Fotografische Spurensicherung. Sie gilt seit den 1970er Jahren als begründetes Verfahren der zeitgenössischen Kunst. Künstler sammelten Objekte, Spuren und Reste, um mit Hilfe solcher Indizien Vergangenheit zu rekonstruieren, sie betrieben eine Art Feldforschung. Die von Karin Thomas in diesem Zusammenhang aufgeführte „Dokumentarfotografie mit zunehmend technischer Raffinesse der Kameras“ wird heute ergänzt durch die grandios erweiterten informationstechnischen Möglichkeiten zusätzlichen grafischen Eingreifens. Was von unserer Künstlerin ja auch bewusst eingesetzt und überhaupt nicht verschwiegen wird: Die Stimmungen, die sie persönlich erlebte und im Bild gebannt hat, intensiviert oder optimiert sie anschließend mit den ihr vertrauten Mitteln digitaler Bildbearbeitung.
Die in diesem Zyklus solchermaßen gelenkte Spurensicherung orientiert sich in sparsamer Weise an vorgefundenen Artefakten und verlassenen Innenräumen des Neuen Schlosses in Baden-Baden. Der selektive Blick der Künstlerin macht sich primär fest am Verfall von preisgegebenen Räumen, staubigen oder defekten Bestandteilen des Interieurs, menschenleerer Architektur vor den Umbauarbeiten. Jedes Einzelbild, wie Teil eines Puzzles, zwar autonom und selbstständig im Ausdruck, gewinnt erst im Zusammentreffen mit den anderen Ausschnitten und Blickwinkeln seine umfassende Bedeutung als Zeichengefüge einer bereits abgelaufenen Zeit. Sie ist nur durch die Erinnerung zugänglich, und der Gedanke des Memento mori drängt sich hierbei zwangsläufig auf. Bei allem ästhetisch Reizvollen, Atmosphärischen, gestalterisch Perfektionierten handelt es sich bei den hier gezeigten Beispielen also ebenfalls um Vanitasbilder mit ihrer Symbolik der Vergänglichkeit: „Bedenket, dass ihr sterben müsst.“ . Warum? Die umfangende Skala erdiger Farbtöne, die rotbraune Patina rostigen Eisens, Risse im Mauerwerk, böckelnder Putz, abblätternde Farbschichten oder blind gewordene Scheiben sind Metaphern für verschwimmende Erinnerungen an schon vergangenes Leben, werden dadurch als Mahnung anschaulich. Niemand malt dies sprachlich besser aus als die Künstlerin selbst: „Im Alten und Vergehenden erkenne ich nicht nur den momentanen Gegenstand in seinem Umfeld, sondern erspüre zugleich das Leben, seine Entwicklung.“

Profane Quintessenz: So betrachtet können wir froh sein, dass es den Denkmalschutz gibt, der seine schützende Hand über diesen wunderbaren Schlossbau legte. Für uns Sterbliche gibt es so etwas leider nicht. C´est la vie.

Ich danke Ihnen für die Geduld und wünsche der Künstlerin viel Resonanz auf ihre hintergründigen, vielsagenden Arbeiten.

© Werner Stehr, Kassel